Hanne Loreck

Räumliche Phantasien und Phantasmen der ausgehenden 1950er Jahre (Arbeitstitel)

 

Aus der Sicht der Kulturwissenschaftlerin wählt der Beitrag in Anschluss an Beatriz Colomina, Anthony Vidler und Mark Wigley eine dekonstrukti­vistische, poststrukturalistische Perspektive. Gefragt wird, auf welche Weise sich die Nach­kriegsfortschrittsideologie einschließlich des materiellen und rhetorischen Horizonts von „Aufräumen“ und „Bereinigen“ der ästhetischen und formalen Konzeption von Innen­räumen eingeschrieben hat und welches Familien-, besonders aber welches Weiblichkeitsmodell in die Vorstellungen und die Vorschläge der Innengestaltung der Interbau eingelassen ist.

Die gegenseitige symbolisch-metaphorische Ersetzung von Frau, Heim und Dekor ist für die Moderne von Adolf Loos oder le Corbusier und vom Bauhaus hinlänglich, für die 1950er Jahre ansatzweise erforscht. Hier öffnet die seit der Ersten Moderne als „rein“ titulierte Abstraktion einschließlich der ornamentlosen Baumoderne mit dem weißen Kubus samt ihrer „reinen“,heroisch-männlichen Ästhetik, eine bemerkens­werte und näher zu untersuchende Schnittstelle zum Hygienediskurs der 1950er Jahre mit seinen häuslichen Einrichtungen und hausfraulichen Verrichtungen.

Wie spiegelt sich die unterschiedliche Einschätzung ästhetischer und materieller Oberflächen im Diskurs der Interbau und zwar nicht ausschließlich in ihrer Programmatik und Rezeption, sondern ebenso in der dokumentierten oder aktuell noch zugänglichen Visualität? Mit der erhöhte visuelle Durchlässigkeit zwischen Innen und Außen – architektonisch zum Beispiel durch große Fensterfronten – wird „Reinheit“ auch problematisch. Denn die primäre „Planungszelle“ Familie ist offensicht­lich durch alternative Gemeinschafts­konzepte, die sich in den „Gesellschafträumen“ materialisieren, infiziert und in einem erhöhten sozialen Austausch möglicherweise auch als latent gefährdet zu denken. Was also wird ästhetisch und technisch-materiell vorgeschlagen und ausgeführt, um diese bioarchitektonische Einheit, die Zelle, stabil zu halten? Dabei ist die Kontinuität im Reinheitsdiskurs der Naziideologie zu bedenken, wie möglicherweise seine Fortsetzung ins Raumfahrtjahrzehnt, die 1960er Jahre, mit der chemischen Erfindung des „optischen Weiß“ für Stoffe in Mode und Design.