Jesko Fezer

Über das Hansaviertel hinaus. Selbstkritik als planerisches Projekt

 

Anlässlich der Internatonalen Bauausstellung im Berliner Hansaviertel 1957 veröffentlichte Lucius Burckhardt in der vom Stadt- und Regionalsoziologen Hans Paul Bahrdt herausgegebenen Bauweltausgabe mit dem Thema „Kritische Materialien zur Interbau.“ den Artikel „Stadtplanung und Demokratie. Auch ein Kommentar zur ‚Interbau’“. Interessanter Weise erwähnt Lucius Burckhardt die Interbau darin gar nicht. Er formulierte in diesem Artikel stattdessen erstmals seine Perspektive auf Stadt als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse und entwickelt das Grundgerüst seiner sich später ausformulierenden Argumentation, die um den Planer, um Krisen der Beschlussfassung und Politik kreisen wird – eine Suche nach einer radikal-demokratischen Form der Stadtplanung und Architektur. Das Publikum und damit auch die Nutzer und deren Beziehungen zu Städtebau und Architektur geben dabei die Perspektive der Analyse vor.

 

Zeitgleich zur Documenta 7 in Kassel, 1982, entwickelte Lucius Burckhardt mit Studierenden der Kasseler Gesamthochschule, an der er unterrichtete, eine von zwei Documenta Urbana. Seine Umsetzung bestand in ad hoc realisierten, ephemeren urbanen Aktionen. Diese Aktionen machten 15 städtische Problemsituationen sichtbar und schlugen dafür eben keine „sauberen Lösungen“ vor, die nach Burckhardt gerade die gegenwärtigen innerstädtischen Probleme herbeigeführt hätten. Burckhardt setzte damit exemplarisch seine Theorien des kleinstmöglichen Eingriffs und des unsichtbaren Designs praktisch um.

 

Es scheint, als ob sich zwischen diesen beiden Bauausstellungen die planungsmethodische Reflektion Lucius Burckhardts aufspannt. Während er anhand der Interbau 1957 die grundsätzliche Frage nach dem Planen und Bauen in einer Demokratie stellt, praktiziert er 1982 in Kassel eine Form der städtebaulichen Intervention, die diese Fragestellungen aufnimmt und als Beginn seiner „Spaziergangswissenschaften“ angesehen werden kann. Burckhardt ist damals – als in Berlin-Kreuzberg und in der Kasseler Dönche die Korrektur der Interbau 57 gebaut wird – also schon wieder weiter.