Schamma Schahadat

Vom Gemeinschaftsentwurf zum Familienentwurf?

Wohnraum in Theorie und Praxis zwischen 1920 und 1970

 

„Die 50er greifen Ideen aus den 20ern auf“, heißt es über das Hansaviertel in der gleichnamigen Broschüre (Das Hansaviertel 1957-1993, hrsg. vom Bezirksamt Tiergarten 1993). Während das Hansaviertel in den 1950er Jahren eine innerstädtische Umsetzung sozialreformerischer Ideen aus den 20er Jahren anstrebte und sich damit (auch) als Reaktualisierung älterer Traditionen verstand, lässt sich in Osteuropa eine andere Bewegung beobachten: Waren die 20er Jahre von einer gemeinschaftlichen Utopie geprägt, die im Kommune-Haus verwirklicht werden sollte, findet bereits im Stalinismus der 30er und 40er Jahre eine Hinwendung zum privaten Raum statt, dessen Bewohner die traditionelle Kleinfamilie ist; Gemeinschaftsräume für kommunales Wohnen verlieren an Relevanz. Als in den 50er und 60er Jahren riesige Wohnblocks gebaut werden – was im übrigen nicht nur für Russland, sondern auch für Polen, die DDR und andere sozialistische Länder gilt -, scheint der Traum vom gemeinschaftlichen Leben endgültig ausgeträumt, was sich in den in kleine private Parzellen aufgeteilten Wohnblocks spiegelt.

 

In dem Beitrag soll herausgearbeitet werden, in welche Richtung sich die architektonischen Entwürfe vom Wohnraum in den 20er Jahren, die zu der Zeit im Osten und im Westen durchaus vergleichbar waren (sowohl in Westeuropa als auch in Russland gab es zum Beispiel Ansätze, Wohnraum und Natur miteinander zu verbinden), sich in den folgenden Jahrzehnten entwickelt haben. Anders als das Beispiel Hansaviertel es zeigt, haben die russischen Stadtplaner die utopischen Entwürfe der 20er in den 50er und 60er Jahren weitgehend zurück genommen. Anhand von Zeitschriftenmaterial, architektonischen Aufsätzen und literarischen Quellen soll ein Überblick über die divergenten Entwicklungslinien im sozialistischen Europa im Vergleich mit einem Modellquartal wie dem Hansaviertel aufgezeigt werden.