Kurzfilmprogramm:

 

Stadt von Heute: Verkehrslösung und Utopieverlust.

Kuratiert und eingeleitet von Florian Wüst

 

"Berlin ist optimistisch und bereitet sich schon jetzt auf seine künftige Rolle vor, wieder Hauptstadt zu sein", heisst es in dem Film "Eine Stadt ist optimistisch" (1957), der das letzte Kurzfilmprogramm der Reihe einleitet. Vor dem Hintergrund der erhofften Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands wird die Schaffung neuen Wohnraums als vorrangige Aufgabe des Wiederaufbaus beschrieben, mit dem Hansaviertel als einem der herausragenden Beispiele eines zukunftsweisenden Städtebaus. Der Film entwickelt außerdem die verkehrsplanerische Vision des vollständigen Ausbaus der Westberliner Stadtautobahn, deren Ost-Tangente mitten durch Kreuzberg führte, was erst im Flächennutzungsplan von 1976 offiziell verworfen wurde.

 

Gegen die Politik des Kahlschlags und die Apotheose einer durchrationali-

sierten Stadtlandschaft regte sich ab Ende der 1950er Jahre zunehmend Kritik, die sich mit Gefühlen der Entfremdung und Auflehnung im biederen Nachkriegsdeutschland verband. Spielfilme im Vorfeld des Neuen Deutschen Films zeichnen die Stadt als Inbegriff von Desorientierung und Existenznot. Auch Herbert Veselys Filmexperiment "Die Stadt" (1960) entdeckt hinter dem modischen Glanz der Schaufenster, im nervösen Takt der Medien und im anonymen Antlitz der modernen Stadt die seelische Gebrochenheit der Menschen.

 

 

Die Filme:

 

 

Eine Stadt ist optimistisch

Regie: Rudi Flatow, BRD, 1957, 10'

 

Der seinerzeit über die Landesfilmdienste vertriebene Film "Eine Stadt ist optimistisch" präsentiert die Planungen für ein neues, modernes Berlin, an dem alle gemeinsam – Stadtplaner, Architekten und Bauhandwerker – mit Überzeugung arbeiten. "Die am Berliner Funkturm montierte Kamera fährt in die Höhe, um uns die Gelegenheit eines wahren Planerüberblicks zu verschaffen: "Sehen Sie, das ist Berlin", stimmt uns der Kommentator ein, "ein unübersehbares Häusermeer". Die nächste Bildabfolge zeigt unzweideutig, wie "Häusermeer" zu verstehen sei: Schnellstraße, Abrißbirne und Planierraupe lautet der hart geschnittene Zuspruch zur Umsetzung der Hauptstadtpolitik." (Folckert Lüken-Isberner)

 

 

Aral-Werbefilm: Alles für alle

Produktion: Fischerkoesen, BRD, 1955, 3'30''

 

Hans Fischerkoesen, dessen Studio zu den erfolgreichsten und bekanntesten Werbefilmproduktionen der frühen Bundesrepublik zählte, realisierte in den 1950er Jahren eine Vielzahl von Zeichentrickfilmen für Aral. "Alles für alle" unternimmt einen Ausflug in die Urgeschichte der Rohstoffe und deren Verarbeitung zum idealen Gemisch aus Benzol und Benzin. Die Güte des Kraftstoffs erfreut jeden Motor und verspricht Erfolg auf vollen Straßen. "Verkehrsgewühl mit viel Geschrei. Aral betankt, kommst Du vorbei. Aral wird Dir mit Recht empfohlen, dann kannst Du sicher überholen."

 

 

Vom Uhrzeiger gehetzt

Regie: Walter Koch, BRD, 1957, 13'

 

"Vom Uhrzeiger gehetzt" ist ein Lehrfilm der Bundesverkehrswacht, der das Verhalten von Verkehrteilnehmern schildert, die in Eile sind. Ein Generaldirektor fährt im Auto, seine Sekretärin hetzt zu Fuß und per Straßenbahn zur Arbeit. Die Aufbaujahre stehen unter dem Diktat des kleinen Uhrzeigers und Pünklichkeit wird als Voraussetzung für beruflichen Erfolg gewertet. Am Schluß der dramatischen Spielhandlung obsiegt die Erkenntnis: "Pünklichkeit ist eine schöne Sache sei, aber man sich Zeit nehmen zur Pünktlichkeit."

 

 

Die Stadt

Regie: Herbert Vesely, BRD, 1960, 37'

 

Nachdem Herbert Vesely 1955 mit seinem vom Existenzialismus inspirierten Film "Nicht mehr fliehen" aufgefallen war, produzierte er eine Reihe von Kurzfilmen und Filmfeuilletons, wie z.B. "Autobahn" (1957) oder "Menschen im Espresso" (1958). Das Konzept zu "Die Stadt" entwickelte Vesely im Rahmen einer Seminararbeit an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, deren Filmklasse er mitgegründet hatte. Die abgebildete Stadt ist das Berlin des Jahres 1960. Nur scheinbar ungerührt gehorchen die namenlosen Großstadtbewohner den Gesetzen der modernen Welt. Unterlegt mit einer Collage aus Werbeslogans, Statistiken und Wohnungsangeboten beobachtet der Film die Menschen, wie sie sich auf den Straßen und in den Cafés, zwischen Lichtfassaden und Ruinen bewegen.

 

 

Sonderbericht Berlin (Ausschnitt: Mode im Hansaviertel)

Produktion: Schnabel-Film, BRD, 1961, 1'30''

 

"West-Berlin ist wieder eine elegante Stadt mit einer bedeutenden Bekleidungsindustrie. Als Kulisse für Modeaufnahmen dient häufig das von Architekten vieler Länder erbaute Hansaviertel." Models führen vor dem Niemeyer Haus oder im Atrium der Hansabibliothek eine Kollektion Kleider und Herbstkostüme des Hauses Oestergaard vor. Der kurze Beitrag des "Sonderberichts Berlin", einer für die Wochenschau produzierten Reportage über aktuelle Berliner Ereignisse, zeigt die neue Normalität und Lebenskultur im "Schaufenster des freien Westens".

 

 

Stadterneuerung Berlin - Beispiel Wedding

Regie: Wolfgang Kiepenheuer, BRD, 1966, 24'

 

"Eine Stadtsanierung, wie sie in dem direkt an die Mauer grenzenden Bezirk Wedding vorgenommen wird, bedeutet nicht Vernichtung des Alten, sondern Erneuerung verwahrloster unzeitgemäßer Wohngebiete. Der Film schildert, wie es zu den ungesunden Zuständen lichtarmer Hinterhofwohnungen kam und wie man versuchte, die vier Funktionen Wohnen, Arbeit, Erholung und Bewegung in idealer Weise zu vereinen. Hauptdarsteller sind die Weddinger selbst mit schlagfertigen und nicht unkritischen Anmerkungen." (aus: Berlin-Filme der Landesbildstelle Berlin, 1984)