Konzept

Konzept und Projektinitiatorinnen:
Annette Maechtel und Kathrin Peters

Während das Hansaviertel heute als Baudenkmal am Berliner Tiergarten steht, war es zur Interbau 57 ein Modell für das, was „die stadt von morgen“ sein könnte bzw. hätte sein sollen. Von den Einzelgebäuden namhafter internationaler Architekten über die funktionale Gliederung der Stadtlandschaft bis hin zur Präsentation voll eingerichteter Musterwohnungen stand alles im Zeichen einer Neugestaltung von Wohn- und Lebensformen, die der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft insgesamt ein neues Gesicht verleihen sollte. Die Betonung des Morgen ist dabei verbunden mit dem Ausblenden des jüngsten, nationalsozialistischen, Gestern.

Was im bloßen Blick auf die Fassaden und Parkanlagen des Hansaviertels Berlin heute nicht mehr sichtbar werden kann, ist die Vehemenz, mit der in den 1950er Jahren ästhetische Direktiven an ein breites Publikum vermittelt wurden. Moderne Stadtplanung und Formgebung sollten sich bis auf Familien- und Gemeinschaftsideale sowie urbane Ordnungsvorstellungen auswirken.


Der Projekttitel leitet sich von der auf der Interbau 57 präsentierten Sonderschau „die stadt von morgen“ ab. In dieser Ausstellung und der 1959 folgenden Buchveröffentlichung [*] wurde die Notwendigkeit eines Um- bzw. Neubaus der Städte heraufbeschworen. Die Kriegszerstörungen erscheinen darin als Chance, sich der unübersichtlichen Mietskasernenstadt des 19. Jahrhunderts zu entledigen, um mit einem ästhetischen Neuanfang auch einen gesellschaftlichen herbeiführen zu können.


Die Suggestivität, die aufwändige Inszenierung und die Themen von „die stadt von morgen“ – Wohnen, Natur, Gesundheit, Verkehr, Familie, Boden u.a. – stehen im Mittelpunkt des Interesses. Die Idee, bildende KünstlerInnen einzuladen, in konkrete Auseinandersetzung mit dem Ort zu treten, trägt der Vielschichtigkeit der aufgeworfenen Bezüge Rechnung. Viele der eingeladenen KünstlerInnen bezeichnen ihre Arbeitsweise selbst als archäologisch, archivarisch oder interventionistisch. Ihnen geht es darum, neue Interpretationen und Bedeutungszusammenhänge in abgelagerte Wissensbestände einzuziehen.


Das Hansaviertel steht daher nicht als gelungener oder misslungener, als überholter oder unübertroffener Siedlungsbau zur Disposition, sondern als ein Monument, in das Wissen, Bilder und nicht zuletzt Träume eingelagert sind, die es zuallererst freizulegen gilt. Jenseits einer musealisierenden Betrachtungsweise lenkt das Projekt die Aufmerksamkeit auf vergessene oder vergrabene Aspekte der Nachkriegsmoderne und ihrer Rezeptionsgeschichte.


[*] „die stadt von morgen. gegenwartsprobleme für alle“, hrsg. v. Karl Otto, Berlin 1959