Thematischer Hintergrund

„Wir wohnen gern modern“, so textet eine Haushaltsgerätefirma auf der Rückseite des Interbau-Katalogs von 1957. Modern wohnen hieß, in funktionell eingerichteten Wohnungen inmitten einer Stadtlandschaft zu leben; den Parkplatz vor der Tür zu haben und mit dem Aufzug in die 10. Etage zu fahren. In der deutschen Nachkriegszeit stand der sogenannte Wiederaufbau der Städte im Zeichen einer gesellschaftlichen und politischen Neuorientierung, die nicht nur die Gründerzeitkommode, sondern auch die Schatten der nationalsozialistischen Vergangenheit auszuräumen suchte. Die Zerstörung der Stadt schien dabei dem Wunsch, wieder bei Stunde Null anfangen zu können, fast schon entgegen zu kommen.

 

Das, was noch 1957 zumindest in Westdeutschland ungeheuer modern und zukunftsorientiert war, galt allerdings schon wenige Jahre später als „gesichtslos“ und „kalt“. In Wolf Jobst Siedlers einflussreichem Text-Bild-Essay „Die gemordete Stadt“ (1964) ist das Hansaviertel ein Beispiel für den Tod des „Stadtorganismus“. Das Buch und der gleichnamige Film des Bauwelt-Chefredakteurs Ulrich Conrads läutet eine Hinwendung zur alten, ornamentalen, verwinkelten Großstadt ein, in der nicht mehr von Mietskasernen, sondern von Hinterhofoasen die Rede ist (während sich zeitgleich in der DDR das Konzept Raumstadt als Plattenbausiedlung auf der grünen Wiese durchsetzte). [1]

 

Von heute aus knüpfen sich viele Fragen an die Rezeptionsgeschichte des Hansaviertels. Zum einen die, ob es nicht zu Zeiten seiner Konzeption statt „von morgen“ bereits „von gestern“ oder „heute abend“ war, wie Karl Otto formulierte. [2] Auch Hubert Hoffmann beklagte, dass es sich beim letztendlich realisierten Hansaviertel um ein formales „Klötzchenspiel“ handele [3], das komplexere Entwürfe ausgeschlossen habe. Die städtebauliche Disposition des Hansaviertels knüpfte an den International Style der Vorkriegszeit an, der innerhalb der CIAM (Congress Internationale de l’Architecture Moderne) bereits in Kritik geraten war. Gegen den Funktionalismus formierte sich dort die Idee von Partikularität. [4]

Zum anderen bleibt zu überlegen, wie die gegenwärtig zu beobachtende Aufwertung der Architektur und des Designs der 50er/60er Jahre mehr sein kann als Retro-Chic; wie sich also über diese Konzepte nachdenken lässt, ohne sie weder schlicht zu affirmieren noch vorschnell zu verabschieden.

 

Das Hansaviertel ist also mehr als ein Freilichtmuseum von Einzelgebäuden berühmter Architekten (54 Architekten aus 13 Ländern und 10 Landschaftsplaner). Vom Berliner Senat initiiert und weitestgehend aus öffentlichen Mitteln finanziert, sollte auf dem stark zerstörten Innenstadtareal nördlich des Tiergartens eine visionäre Stadtlandschaft als Ausdruck einer demokratischen Gesellschaftsordnung entstehen. Immerhin hatte die DDR bereits 1949 ein „Nationales Wiederaufbauprogramm“ aufgelegt und 1952 war der erste Bauabschnitt der Stalinallee beendet worden. Das Ideal der „gegliederten und aufgelockerten Stadt“, das schon in der ersten Wettbewerbsausschreibung (1953) leitend war, grenzte sich sowohl vom „diktatorisch ausgerichteten Bauen“[5] der sozialistischen Moderne als auch vom dichten Berliner „Steinmeer“ des 19. Jahrhunderts ab. [6] Das lockere Zueinander einzelner Wohnhäuser, die sich in parkähnlichen Grünflächen öffnen, erschien dagegen als Verkörperung einer Gemeinschaft freier Menschen. Es war aber zugleich auch die Umsetzung einer zu Kriegszeiten projektierten Bauweise, mit der bei Luftangriffen großflächige Zerstörungen verhindert werden sollten. [7]

Die Realisation eines solchen Projekts in zentraler städtischer Lage war überhaupt nur möglich, weil zum einen das alte Hansaviertel bis Baubeginn in Trümmern lag und zum anderen eine umfassende Bodenordnung durchgesetzt wurde. Das heißt, die Einzelgrundstücke wurden durch die „Aktiengesellschaft für den Aufbau des Hansaviertels“ erworben, zum Teil auch enteignet, und zusammengelegt. Dass es sich beim alten Hansaviertel um ein bürgerlich-jüdisches Viertel handelte, lässt die als so zukunftsweisend gelobte Bodenordnung gleichzeitig als vergangenheitsvergessen erscheinen.

 

Als Teil der Interbau instruierte die programmatische Ausstellung „die stadt von morgen“, die Besucher über die ‚richtige‘ Nutzung moderner Wohnanlagen. Es ging dieser didaktischen Schau und der 1959 folgenden Publikation [8] vor allem um den Städtebau als Möglichkeit gesellschaftlicher Steuerung. Die Zukunft des Urbanen wurde als eine Bündelung städtischer und ländlicher Qualitäten konzipiert. Grünflächen sollten sowohl konkret als auch metaphorisch die Mitte von Stadteinheiten bilden und so (wieder) eine hygienische Lebensführung ermöglichen. [9] Zugrunde lag eine vehemente Ablehnung der zeitgenössischen „Unordnung unserer Städte“[10], als deren Verursacher Maschinisierung, Auflösung von Familienbindungen und eine überbordende Verkehrsbelastung ausgemacht wurden. Der Städtebau könne, so der Anspruch, formend, ja sogar heilend, auf die Lebensbedingungen einwirken.

 

[1] Vgl. Werner Durth: Stadt und Landschaft – Kriegszerstörung und Zukunftsentwürfe, in: Durth, Düwel, Gutschow, Schneider (Hg.): Krieg – Zerstörung – Wiederaufbau. Architektur und Stadtplanung 1940–1960, Berlin 1995.

[2] Vgl. „Utopie und Hansaviertel“, in: Bauwelt Heft 18, 1957. Karl Otto war der Leiter der programmatischen Sonderschau „die stadt von morgen“ auf der Interbau 57 und Direktor der Hochschule für Bildende Künste Berlin.

[3] So Hubert Hoffmann in einem unveröffentlichten Vortragstyposkript (1980), Archiv der Akademie der Künste

Berlin. Hubert Hoffmann war bis 1952 Leiter des Planentwurfsamts Berlin und ab 1959 Professor für Architektur und Städtebau an der TU Graz. Er gehörte der Vereinigung „der ring“ an und war maßgeblich an der Konzeption der Interbau sowie der Ausstellung „Stadt von morgen“ beteiligt.

[4] Vgl. Werner Sewing: „Reflexive Moderne. Das Erbe des Team Ten“, in: Ders.: Bildregie. Architektur zwischen Retrodesign und Eventkultur, Berlin 2003.

[5] So das Preisgericht im Dezember 1953, das den Entwurf von Gerhard Jobst, Willy Kreuer und Wilhelm Schließer als Sieger auswählte (zit. n.: Das Hansaviertel 1957–1993. Konzepte, Planung, Probleme; hrsg. v. Bezirksamt Tiergarten von Berlin, Abt. Bau- und Wohnungswesen, Naturschutz- und Grünflächenamt; Berlin 1993, S.35). Dieser erste Entwurf lieferte zwar die Grundlage für die Gesamtstruktur des Hansaviertels wurde aber mehrfach überarbeitet und die Entwürfe für die Einzelgebäude erneut ausgeschrieben.

[6] Das Verhältnis von Grün- zu Baufläche wurde gegenüber dem alten Hansaviertel um 50 % reduziert.

[7] Vgl. Geist, Küvers: Das Berliner Mietshaus, 1984: Dort wird auf die erste, im Zusammenhang mit dem Reichsluftfahrtministerium entstandene Fassung von „Die gegliederte und aufgelockerte Stadt“ hingewiesen. Die zweite, 1957 anlässlich der Interbau von Göderitz, Rainer und Hoffmann herausgegebene und zum Handbuch moderner Architektur avancierte Fassung spart die Verweise auf den Bombenkrieg einfach aus.

[8] die stadt von morgen. gegenwartsprobleme für alle; hrsg. v. Karl Otto, Berlin 1959.

[9] Zur Interbau erschienen drei Bücher: Göderitz, Rainer, Hoffmann: Die gegliederte und aufgelockerte Stadt, 1957; Vogler, Kühn :Medizin und Städtebau, 1957; und 1959 Otto: die stadt von morgen.

[10] Otto: die stadt von morgen, 1959.