Annette Maechtel und Kathrin Peters (Hg.)

„die stadt von morgen“. Beiträge zu einer Archäologie des Hansaviertels Berlin

 

Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln

ISBN: 978-3-86560-229-9

Umfang: 272 Seiten, 284 Abbildungen, vierfarbig

mit Audio-CD

Auflage: 1200

Gestaltung: Stephan Fiedler, Berlin

 

 

Preis: EUR 29,80

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Rezensionen

Aus dem Vorwort:

 

"die stadt von morgen" stand 1957 in großen Lettern und Kleinbuchstaben vor einer zeltartigen Halle auf der Internationalen Bauausstellung in Berlin. Die Kleinschreibung lässt sich als Markierung eines unbedingten Modernismus verstehen, in dessen Zeichen die Architektur, der Städtebau und das Design der 1950er Jahre standen. Das Progressive und Neue sollte sich in der Kleinschreibung gewissermaßen schon typografisch darstellen. Wie ein modulares Regalsystem muten diese Kleinbuchstaben an, sie machen keine Unterschiede zwischen Haupt- und Nebenworten, werfen das Erbe deutscher Rechtschreibung ab, und man hat den Eindruck, als seien Kleinbuchstaben immer etwas schneller und wendiger als die großen.

Wenn wir anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Interbau und des Hansaviertels den Slogan die stadt von morgen aufgreifen, dann nicht, um zu erörtern, wie denn eine Stadt von morgen sein könnte oder gar sein müsste. Unsere Frage ist vielmehr, welche Zeit mit welchen Problemen und welchen Wünschen denn welche Zukunft für die richtige hält. Als Vorgriff auf ein Morgen, von dem man nicht weiß, ob es jemals eingetreten ist, legt das Hansaviertel heute längst Zeugnis von Vergangenem ab.

So können die Beiträge dieses Buches eine Archäologie des Hansaviertels unternehmen, obwohl alle Gebäude noch stehen. Die Untersuchungen der KünstlerInnen und AutorInnen versuchen freizulegen, was nicht sichtbar ist oder – im Schatten der großen Häuser und Architektennamen – verborgen liegt. In den Blick gerät dabei vor allem auch unsere Gegenwart, die mit Resten und Bruchstücken der Kultur der 1950er Jahre durchsetzt ist, denn Gegenwart ist ja nicht einfach da, sondern geworden.

Das Hansaviertel ist nicht so „neu“ und „modern“, wie seine Planer es gerne gehabt hätten, sondern durchzogen von Ambivalenzen, unausgesprochenen Kontinuitäten, von unrealisierten Plänen, ökonomischen Zwängen und divergierenden ästhetischen Konzepten. Diesem Buch geht es nicht darum, in das Wechselspiel von Huldigung und Verwerfung, mit der die Architekturen und das Design der 1950er und 1960er Jahre immer wieder belegt worden sind, einzustimmen. Dagegen ist die gegenwärtige Rezeption, in der einmal von Bausünden der Nachkriegszeit, das andere Mal von Zeitlosigkeit der Formen die Rede ist, in der einerseits Gebäude abgerissen, andererseits Möbel originalgetreu nachgebaut werden, selbst ein Untersuchungsgegenstand dieses Buches. Unser Interesse gilt dem (wahrscheinlich zutiefst modernistischen) Vorhaben, mittels Architektur, Städtebau und gestalteten Dingen eine Gesellschaft steuern und diese ebenso vorausschauend wie dauerhaft regulieren zu wollen. Das Hansaviertel ist gleichermaßen konkreter Ort wie Exempel unserer Archäologie. Orte sind vielschichtige Gebilde: Sie bestehen aus Architekturen, Straßen und Plätzen, die Räume und Sichtbarkeiten organisieren. Sie bestehen aber auch aus Bildern und Texten, die die Orte beschreiben und bewerten, nicht ohne sie damit zu verändern. Schließlich realisieren sich Orte erst im Gebrauch, den die Bewohner von ihnen machen. Es ist eine solche vielschichtige Perspektive, die unser Projekt zum 50-jährigen Jubiläum des Hansaviertels einnehmen will, und wir haben daher in diesem Buch eine Reihe unterschiedlicher Forschungs- und Arbeitsweisen zusammengebracht: Künstlerische Beiträge wechseln sich mit theoretischen Texten und historischen Einzelstudien ab. Mal handelt es sich um konkrete Untersuchungen zu einzelnen Gebäuden, Institutionen oder Debatten, mal wird ein breiter Kontext auf andere Ausstellungen, Städte oder Topoi eröffnet. Auch die künstlerischen Beiträge sind einem der vier thematischen Kapitel, die das Buch gliedern, zugeordnet, so dass sich die Zugangsweisen miteinander verschränken. Dahinter steckt der Gedanke, dass künstlerisches und wissenschaftliches Arbeiten zwar je anders verfährt, aber gleichermaßen produktiv ist im Hinblick auf Wissen und das Knüpfen von Verbindungen. Es ist der Einsatz dieses Buches, von einem konkreten Ort ausgehend, verschiedene Forschungs- und Darstellungsweisen sich gewissermaßen ausstreuen zu lassen, um weniger eine kohärente historische Darstellung als vielmehr eine Vielfalt von Themen und Motiven hervorzubringen; eine Vielfalt, in der sich wiederum aufschlussreiche Querverbindungen zeigen.