Programm

 

Mittwoch, 6. Juni 2007, 20 Uhr (Kurzfilmprogramm 1)

Eine einzige große Familie: Wiederaufbau und Gemeinschaft

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Studio

 

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs stand der Wiederaufbau der deutschen Städte im Zeichen akuter Wohnungsnot. Mit Hilfe des Marshallplans galt es, die Trümmer zu beseitigen und notdürftigen Wohnraum zu schaffen. Die bis 1952 von den westlichen Alliierten produzierten Lehr- und Dokumentarfilme priesen aber nicht nur den allgemeinen Aufbauwillen und wirtschaftlichen Fortschritt, sondern zielten auf die Umerziehung der Menschen hin zu einer freiheitlich-demokratischen Grundeinstellung. Den Westdeutschen sollte nahegebracht werden, dass sie im Gegensatz zu totalitären Staatssystemen an gesellschaftlichen Prozessen teilhaben können. Dass es sich lohnt, Respekt gegenüber Anderen zu üben, selbstständig zu denken und Initiative zu zeigen, nicht zuletzt in Bezug auf den Bau eines eigenen Hauses.

 

Neben einer Auswahl an Re-education-, Marshallplan- und Werbefilmen zeigt das Programm den von der SAGA in Auftrag gegebenen Film "Eine Hochhausstadt" (1958), der das 1956 fertiggestellte Grindelberg-Projekt in Hamburg dokumentiert, dem ersten großen innerstädtischen Wohnungsbauvorhaben der Bundesrepublik. Darin werden sowohl die Vorteile des rationellen Bauens als auch die moderne Ausstattung der Wohnungen und öffentlichen Einrichtungen, wie z.B. Wäscherei und Gemeinschaftsantenne, beschrieben. Den Abschluss des Programms stellt der Hollywood-Cartoon "TV of Tomorrow", mit dem Tex Avery bereits 1953 eine Parodie auf die Zukunft des alles vereinnahmenden Fernsehens zeichnet.

 

Ich und Mr. Marshall

Regie: Stuart Schulberg, D/Amerikanische Zone, 35mm, 1948, 14'

 

Ferien vom Alltag

Regie: Johannes Lüdke, BRD, 16mm, 1951, 15'

 

Siemens-Werbefilm: Farbige Klänge - Erfolgreiche Form

Produktion: Fischerkoesen, BRD, 35mm, 1953, 2'

 

Das Haus am Dornröschenweg

Regie: Hans F. Hermann, BRD, 16mm, 1958, 21'

 

Aus der Spielkiste

Regie: Gerhard Grindel, BRD, 16mm, 1955, 9'

 

Eine Hochhausstadt

Regie: Kurt Stordel, BRD, Video, 1958, 19'

 

TV of Tomorrow

Regie: Tex Avery, USA, 16mm, 1953, 7'

 

 

Donnerstag, 7. Juni 2007, 19.30 Uhr (Spielfilmprogramm 1)

Kino Arsenal, Potsdamer Strasse 2

 

Die Halbstarken

Regie: Georg Tressler, BRD, 1956, 90'

 

Die Halbstarken der 1950er Jahre folgten in ihrer Mode und ihrem Habitus den Helden des amerikanischen Kinos, James Dean und Marlon Brando, und dem an Popularität gewinnenden Rock 'n' Roll. Mit ihrer Randale versetzten sie das biedere Nachkriegsdeutschland in Angst und Schrecken. In Georg Tresslers Kultfilm stehen die Welt der Straße, der Cafés und Tanzsäle, die rebellischen Phantasien und kriminellen Handlungen der Jugendlichen im Gegensatz zum familiären und autoritären Zuhause. Der Film machte seine HauptdarstellerInnen Horst Buchholz und Karin Baal über Nacht zu Stars.

 

 

Mittwoch, 13. Juni 2007, 20 Uhr (Kurzfilmprogramm 2)

Geteiltes Berlin: Stadtplanung und Propaganda

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Studio

 

Der Bau der Stalinallee Anfang der 1950er Jahre - dokumentiert in dem Film "Geschichte einer Straße" von Bruno Kleberg und Walter Martens (1954) - gilt als wichtiger zeitgeschichtlicher Kontext für die Interbau 1957: in Form eines vergleichbar großen und spektakulären Städtebauprojektes sollte das neue Hansaviertel eine programmatische Antwort auf das Ostberliner Aufbauwerk sein. Inmitten des Kalten Krieges war die scharfe Abgrenzung gegenüber dem jeweilig anderen System gang und gäbe. Wochenschauen und Dokumentarfilme über West-Berlin wurden nicht müde, die Modernität und Internationalität der Stadt gegen die Unfreiheit und Planwirtschaft des Osten zu stellen. Produktionen der DEFA standen der propagandistischen Rhetorik in nichts nach und charakterisierten den Westen als kriegstreiberisch und verdorben.

 

Das Programm kombiniert Filme aus Ost und West, die verschiedene Aspekte des städtischen Wiederaufbaus beleuchten. Das Konzept der autogerechten und nach Funktionen getrennten Stadt, demgegenüber man selbst in der Bundesrepublik nicht vor dem Mittel von Grundstücksenteignungen zurückschreckte, um nötigen Wohnraum und breitere Strassen zu schaffen, steht für die frohe Zukunftsvorstellung einer prosperierenden Gesellschaft, die sich stets auf der richtigen Seite wähnte.

 

Grossbaustelle Hansaviertel

Auftraggeber: Senator für Bau und Wohnungswesen Berlin, BRD, Video, 1959, 10'

 

Geschichte einer Straße

Regie: Bruno Kleberg, Walter Marten, DDR, 35mm, 1954, 26'30''

 

Wochenschau vom 4.11.1958 (Ausschnitt: Berlin mit französischen Augen gesehen)

Produktion: UFA Wochenschau, BRD, Video, 1958, 1'30''

 

Unsere Stadt

Regie: H.O. Schulze, BRD, Video, 1955, 13'

 

Die Fensterputzerserenade

Regie: Rolf Schnabel, DDR, 35mm, 1960, 16'

 

Osram-Werbefilm: Die gläserne Sonne

Produktion: Fischerkoesen, BRD, Video, 1954, 2'

 

Verliebt in Berlin

Regie: Ernst Günter Paris, BRD, Video, 1956, 12'

 

 

Donnerstag, 14. Juni 2007, 19.30 Uhr (Spielfilmprogramm 2 )

Kino Arsenal, Potsdamer Strasse 2

 

Das Brot der frühen Jahre

Regie: Herbert Vesely, BRD, 35mm, 1962, 81'

 

In "Das Brot der frühen Jahre" inszeniert Herbert Vesely die Geschichte des jungen Elektromechanikers Walter Fendrich, der mit der Tochter seines Chefs verlobt und auf dem Weg zur gesicherten Existenz ist, jedoch unvermittelt aus seinem gewohnten Leben ausbricht, als er einer Jugendfreundin wiederbegegnet. Der teils am Rande des Hansaviertels gedrehte Film entwirft eine bemerkenswert künstlerische, aus verschiedenen Perspektiven und inneren Monologen zusammengesetzte Adaption der gleichnamigen Erzählung von Heinrich Böll.

 

 

Montag, 18. Juni 2007, 19.30 Uhr (Spielfilmprogramm 3)

Kino Arsenal, Potsdamer Strasse 2

 

Jonas

Regie: Ottomar Domnick, BRD, 16mm, 1957, 81'

 

Mit seiner düster-existenzialistischen Stimmung ragt Ottomar Domnicks "Jonas" aus dem Kanon des bundesdeutschen Kinos der Nachkriegszeit heraus. Die traumatischen Erlebnisse des Einzelgängers und Durchschnittsmenschen Jonas, der sich im Irrgarten der anonymen, angsteinflössenden Großstadt verliert, wird durch eine Prolog von Hans Magnus Enzensberger eingeführt: "in dieser Stadt / in ihren türmen / ihren riesigen warenkörben / zwischen signalen und maschinen / in dieser stadt wohnen keine götter / und keine helden. / die stadt schläft. / in ihren kabinen schlafen viele / sie schlafen in ihren zellen / im stahlskelett / sie schlafen hinter den chiffren / und den fassaden. / ..."

 

 

Mittwoch, 20. Juni 2007, 20 Uhr (Kurzfilmprogramm 3)

Licht, Luft, Sonne: Wohnungsbau und Eigenheim

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Studio

 

Das von Ernst May zwischen 1925 - 1930 erbaute Neue Frankfurt war ein seinerzeit vielbeachtetes Beispiel moderner Stadtplanung, das auf den Prinzipien von Luft, Licht und Sonne basierte und die Standardisierung sowohl des Wohnungsbaus als auch der Wohnkultur vorantrieb. Die Nachkriegsmoderne nahm diese Ideen auf und erhob sie zum Richtungsweisenden Modell für die Abkehr von der Mietskasernenstadt des 19. Jahrhunderts und die Auflockerung der Innenstädte, die nicht zuletzt mit den Erfordernissen des Luftschutzes begründet wurde. Über die um soziale Ausgewogenheit bemühte Durchmischung von Gedäudetypen hinaus kam es in den 1950er Jahren zudem zur verstärkten Förderung privater Eigenheime am Stadtrand.

 

Die Dokumentar-, Lehr- und Informationsfilme dieses Programms setzen einen besonderen Fokus auf die beteiligten Personen und Gruppen: einerseits die in den Filmen als "letzte Humanisten des 20. Jahrhunderts" inszenierten Planer, Architekten und Vertreter von Wohnungsbaugesellschaften, andererseits die BewohnerInnen, wie sie Peter Weiss in seinem Film "Bag de ens facader" (Hinter den Fassaden) (1961) porträtiert: die in den Reihenhäusern und Wohnblocks eines Kopenhagener Neubauviertels lebenden Familien und Alleinstehenden äußern sich zu ihrem Alltag, ihren Wünschen und Sehnsüchten, während die Kamera die bürgerlichen Interieurs filmt.

 

Die Frankfurter Kleinstwohnung

Regie: Paul Wolff, D, 1928, 6'

 

Ein Dach über dem Kopf

Regie: Eva Kroll, BRD, 1950, 15'

 

Die Welt baut in Berlin

Regie: Hans Cürlis, BRD, 1957, 10'

 

Zwölf Jahre danach

Auftraggeber: Neue Heimat Hamburg, BRD, 1957, 14'

 

Eine alltägliche Geschichte

Auftraggeber: Bundesluftschutzverband, BRD, 1955, 12'

 

AEG-Werbefilm: Was schenkt man da?

Produktion: Deutsche Dokumentar- und Werbefilm GmbH, BRD, 1958, 1'30''

 

Bag de ens facader

Regie: Peter Weiss, DK, 1961, 27'

 

 

Donnerstag, 21. Juni 2007, 19.30 Uhr (Spielfilmprogramm 4)

Kino Arsenal, Potsdamer Strasse 2

 

Sie fanden ihren Weg

Regie: Herbert Vesely, BRD, 35mm, 1963, 88'

 

Herbert Veselys dokumentarischer Spielfilm folgt dem Arbeiterjungen Helmut, der am Rande Hamburgs Scheibenhochhäuser errichtet. Angesichts des geringen gesellschaftlichen Statuses seiner Profession hat er Schwierigkeiten, die Friseurin Monika für sich zu gewinnen. Der Film blendet immer wieder in dokumentarische Plädoyers der sozialen Errungenschaften der Gewerkschaftsbewegung und endet mit der ungeschnittenen Aufnahme der Rede John F. Kennedys vor dem Bundeskongress der IG Bau-Steine-Erden in der Berliner Kongresshalle am 26. Juni 1963.

 

 

Montag, 25. Juni 2007, 19.30 Uhr (Spielfilmprogramm 5)

Kino Arsenal, Potsdamer Strasse 2

 

Jahrgang 45

Regie: Jürgen Böttcher, DDR, 35mm, 1966, 90'

 

Mit "Jahrgang 45" von Jürgen Böttcher wechselt die Spielfilmreihe in den Ostteil des geteilten Berlins, wo sich Mitte der 1960er Jahre ebenso ein Geist des Aufbruchs und der Verweigerung breitmachte: Al und Lisas Liebe entfremdet sich auf der Suche nach Freiräumen und Alternativen zum spießbürgerlichen Lebensmodell. Die allzu genauen, in den Wohnungen, Parks und neubaugebieten Ostberlins gedrehten Beobachtungen Böttchers und die Indifferenz seiner Figuren waren politisch nicht opportun. Die DEFA-Produktion durfte seinerzeit nicht fertiggestellt werden und konnte erst 1990 zur Uraufführung gelangen.

 

 

Mittwoch, 27. Juni 2007, 20 Uhr (Kurzfilmprogamm 4)

Wunder der Wirtschaft: Haushalt und Rationalisierung

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Studio

 

Wie der 1930 für den Schweizerischen Werkbund produzierte Film "Die neue Wohnung" von Hans Richter zeigt, bestand ein Hauptanliegen des Neuen Bauens in der funktionalen Gestaltung und Einrichtung der Wohnungen. Vor allem die Küche wurde zum Labor für neue Formen und praktische Lösungen, die die Frau von der körperlichen Last der Hausarbeit befreien sollten. In den 1950er Jahren folgte die umfassende Technisierung der häuslichen Lebenswelt. Der Film "Frauen für leichte Arbeiten gesucht" (1962) führt sogar physiologische Tests und Zeitstudien ins Feld: ob am Fliessband, an der Schreibmaschine oder beim Waschen, die wissenschaftlichen Untersuchungen untermauern die Effizienz der elektrischen Geräte.

 

Lebensstil und Produktionsverhältnisse der Wirtschaftswunderjahre wären ohne die materielle und ideologische Aufbauhilfe der Amerikaner nicht denkbar gewesen. Die Kehrseite dessen – eine geschichtsvergessene, auf Konsum und Profit fixierte Gesellschaft – belegt das Programm mit Boris Borresholms satirischem Zeichentrickfilm "Die Gartenzwerge" (1961), in welchem sich die bundesdeutschen Wohlstandsbürger an Buffets mästen und fremde Länder überrennen.

 

Die neue Wohnung

Regie: Hans Richter, CH, 1930, 27'

 

AEG-Werbefilm: Der Ehezwist

Auftraggeber: AEG Filmdienst, BRD, 1952, 3'

 

Marketing

Regie: Pierre Long, FR/UK, 1953, 18'

 

Frauen für leichte Arbeiten gesucht

Regie: Dieter Werner, BRD, 1962, 12'

 

Wir bauen ein Haus

Regie: Leonhard Fürst, BRD, 1958, 12'

 

Die Gartenzwerge

Regie: Boris Borresholm, BRD, 1961, 10'

 

 

Donnerstag, 28. Juni 2007, 19.30 Uhr (Spielfilmprogramm 6)

Kino Arsenal, Potsdamer Strasse 2

 

Es

Regie: Ulrich Schamoni, BRD, 35mm, 1966, 83'

 

Ulrich Schamonis erster abendfüllender Spielfilm ist eines der Frühwerke des Jungen Deutschen Films: Hilke, Zeichnerin bei einem Architekten und Manfred, aufstrebender Assistent eines Westberliner Grundstücksmaklers, sind ein jungverheiratetes, unbeschwertes Paar, deren Ehe plötzlich in eine Krise gerät, als Hilke schwanger wird. Die immer etwas eiligen Hauptpersonen, die schnellen Schnitte und schrägen Kameraeinstellungen des Films zeigen die neue Raumerfahrung der modernen Stadt, die sich bald nach der Wiederaufbauphase durch Rastlosigkeit und Informationsüberfluss auszeichnete.

 

 

Freitag, 6. Juli 2007, 20 Uhr (Kurzfilmprogramm 5)

Stadt von heute: Verkehrslösung und Utopieverlust

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Studio

 

"Berlin ist optimistisch und bereitet sich schon jetzt auf seine künftige Rolle vor, wieder Hauptstadt zu sein", heisst es in dem Film "Eine Stadt ist optimistisch" (1957), der das letzte Kurzfilmprogramm der Reihe einleitet. Vor dem Hintergrund der erhofften Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands wird die Schaffung neuen Wohnraums als vorrangige Aufgabe des Wiederaufbaus beschrieben, mit dem Hansaviertel als einem der herausragenden Beispiele eines zukunftsweisenden Städtebaus. Der Film entwickelt außerdem die verkehrsplanerische Vision des vollständigen Ausbaus der Westberliner Stadtautobahn, deren Ost-Tangente mitten durch Kreuzberg geführt hätte, was erst im Flächennutzungsplan von 1976 offiziell verworfen wurde.

 

Ab Ende der 1950er Jahre regte sich gegen die Politik des Kahlschlags und die Apotheose einer durchrationalisierten Stadtlandschaft zunehmend Kritik, die sich mit Gefühlen der Entfremdung und Auflehnung verband. Spielfilme im Vorfeld des Neuen Deutschen Films zeichnen die Stadt als Inbegriff von Desorientierung und Existenznot. Auch Herbert Veselys Filmexperiment "Die Stadt" (1960) entdeckt hinter dem modischen Glanz der Schaufenster, im nervösen Takt der Medien und im anonymen Antlitz der Metropole die seelische Gebrochenheit der Menschen.

 

Eine Stadt ist optimistisch

Regie: Rudi Flatow, BRD, 1957, 10'

 

Aral-Werbefilm: Alles für alle

Produktion: Fischerkoesen, BRD, 1955, 3'30''

 

Vom Uhrzeiger gehetzt

Regie: Walter Koch, BRD, 1957, 13'

 

Die Stadt

Regie: Herbert Vesely, BRD, 1960, 37'

 

Sonderbericht Berlin (Ausschnitt: Mode im Hansaviertel)

Produktion: Schnabel-Film, BRD, 1961, 1'30''

 

Stadterneuerung Berlin - Beispiel Wedding

Regie: Wolfgang Kiepenheuer, BRD, 1966, 24'